- Anzeigen -


Sie sind hier: Home » Markt » Kommentare & Meinungen

Hintertüren in Applikationen


F-Secure: Nein, die deutsche Polizei kann WhatsApp nicht hacken
Verschlüsselung auch für Banken, das Militär oder zur Sicherung unserer Kommunikation essentiell



Strafverfolger bekommen mehr Rechte, zumindest im digitalen Umfeld. Der Bundesrat hat Anfang Juli 2017 die Einsatzbereiche für die Quellen-TKÜ, den sogenannten Staatstrojaner, gelockert. Das hat im Gegenzug eine Reihe von übertrieben oder schlicht falschen Meldungen generiert – unter anderem geistert die Meldung durchs Web, wonach die Polizei die Verschlüsselung von Messengern wie Signal oder WhatsApp aufbrechen kann.

Das ist, gelinde gesagt, übertrieben.

"Leider führt das limitierte technische Wissen einiger Gesetzgeber und Politiker zu Pressemeldungen und Statements, die schlicht lächerlich sind", sagt Tom Van de Wiele, Security-Consultant bei F-Secure. "Die Aussagen führen dazu, dass die Öffentlichkeit davon ausgeht, dass nur Kriminelle Verschlüsselung nutzen. Dabei wird gerne übersehen, dass Verschlüsselung auch für Banken, das Militär oder zur Sicherung unserer Kommunikation essentiell ist."

Nehmen wir an, das BKA würde die Verschlüsselung eines Dienstes knacken, was hält Kriminelle davon ab, zu einem Kommunikationssystem zu wechseln? Wikipedia allein kennt 30 verschiedene Dienste mit einer End-zu-End-Verschlüsselung. Die Behörde müsste für jeden Messenger einzelne Hintertüren finden, ausnutzen und dabei sicherstellen, dass diese auch im rechtlichen Rahmen abläuft. Das dürfte sowohl Budget wie auch Know-how der deutschen Strafverfolgung übersteigen. "Die Architektur der meisten sicheren Messenger und wie sie verteilt werden verhindert, dass eine Behörde einfach eine modifizierte Version in Umlauf bringen kann", so Tom Van de Wiele. "Auch kann die End-zu-End-Verschlüsselung nicht einfach aufgebrochen werden. Daher kommen die Rufe nach Hintertüren in Applikationen und der Verschlüsselung."

Abfangen an der Quelle
Der Staatstrojaner arbeitet anders. Es handelt sich dabei (wahrscheinlich) um mehre Programme, die auf jeweils unterschiedliche Einsatzzwecke und Betriebssysteme zugeschnitten sind. Dabei kann es sich um selbst entwickelte Programme handeln, die im Rahmen der Quellen-TKÜ geschrieben werden. Ebenso wahrscheinlich ist, dass Behörden fertige Tools einkaufen.

Dieser Ansatz umgeht die Verschlüsselungsproblematik komplett. Einmal auf dem Zielsystem installiert – etwa einem Handy oder PC – können sie den kompletten Datenverkehr mitlesen bevor er verschlüsselt wird. Außerdem hat das Programm Zugriff auf Kontakte, E-Mails, Fotos und Videos oder die Standortdaten. Sogar das Mikrofon lässt sich aktivieren um Geräte in Wanzen zu verwandeln. "Wer das Telefon kontrolliert, der kontrolliert was empfangen und gesendet wird", so Tom Van de Wiele.

Das klingt nicht nur wie ein klassischer Trojaner, für einen normalen Beobachter verhalten sich staatliche Überwachungsprogramme wie Malware von Kriminellen. Auch die Infektionswege ähneln sich. Denn irgendwie muss die Schnüffelsoftware auf die Endgeräte gelangen. Auf PCs kann dies etwa durch Mitarbeiter der Behörde erfolgen, parallel zur Verwanzung einer Wohnung im Rahmen des großen Lauschangriffs. Für mobile Geräte ist das etwas schwieriger, da diese selten allein gelassen werden. Hier helfen Ansätze der Cyberkriminellen – mit Tricks wie Phishing oder dem gezielten Zusenden von bösartigen Links lassen sich auch mobile Geräte infizieren.

Wie so eine Attacke funktioniert zeigen die 2015 geleakten Daten einer italienischen Firma. Diese hatte sich auf Programme spezialisiert, die wie der Bundestrojaner arbeiten. Die Macher konnten Android ebenso wie iOS übernehmen – letzteres auch ohne installierten Jailbreak. Es liegt nahe, dass andere Firmen ebenfalls an Lösungen mit diesem Kaliber arbeiten. In die Karten sehen kann man den Firmen nicht.

Moralische Zwickmühle
Je häufiger Behörden einen Quellen-TKÜ einsetzen, desto mehr stolpern sie in eine Zwickmühle. Denn damit ein PC oder ein mobiles Gerät erfolgreich und zuverlässig infiziert werden kann, benötigt man idealerweise Zero-Day-Schwachstellen gegen die es keinen Patch gibt.

Entdeckt eine Behörde eine solche Schwachstelle, steht sie vor der Wahl: Geheimhalten und selbst nutzen oder den Hersteller kontaktieren und alle Nutzer schützen?

Wie schnell ein Horten der Lücken nach hinten losgeht, konnten wir in diesem Jahr bereits zweimal sehen: Sowohl die WannaCry-Ransomware wie auch NotPetya nutzten Angriffsprogramme, die auf den Zero-Day-Fundus der NSA zurückgehen. Diese waren Anfang des Jahres publik geworden und wurden öffentlich im Internet verbreitet.

F-Secure kennt keine Ausnahmen
"Jede verdächtige Aktivität als Resultat von Malware wird von unseren Produkten gleich behandelt – es gibt keine Ausnahmen bei der Quelle", sagt Tom Van de Wiele. Ein staatlicher Trojaner unterscheidet sich nicht von einem kriminellen Schädling. Tom Van de Wiele weiter: "Es gibt Unterschiede bei der Qualität, aber in einer Welt, in der Malware-Teile gekauft, verkauft und wiederverwendet werden ist eine genaue Zuordnung schwierig. Es gibt Ausnahmen, etwa Stuxnet, aber diese sind wirklich selten."
(F-Secure: ra)

eingetragen: 02.08.17
Home & Newsletterlauf: 07.09.17


F-Secure: Kontakt und Steckbrief

Der Informationsanbieter hat seinen Kontakt leider noch nicht freigeschaltet.


Meldungen: Kommentare und Meinungen

  • Abbild der momentanen IoT-Sicherheit

    Das Internet der Dinge ist Fluch und Segen zugleich: Während vernetzte Geräte unseren Alltag optimieren und Unternehmen neue lukrative Geschäftsmöglichkeiten eröffnen, sind die Auswirkungen der zunehmenden Vernetzung auf unsere physische und digitale Sicherheit weniger positiv. Tatsache ist: Im gleichen Maße, indem die Zahl von IoT-Geräten steigt, steigt auch das Risiko für Missbrauch, Datendiebstahl oder gefährlichen Manipulationen. Und dafür ist nicht einmal großes Hackergeschick vonnöten: Vielmehr reichen ein herkömmlicher Telekom-Router und eine einfache Fehlkonfiguration aus, um für einen schweren Datenschutzvorfall zu sorgen. So passiert jüngst in einer niedersächsischen Arztpraxis. Deren 30.000 sensible Patienten- und Mitarbeiterdaten waren über einen Windows-Server für jedermann im Internet frei zugänglich. Ein Supergau - nicht nur in Hinblick auf die EU-DSGVO.

  • Datenschutz im Gesundheitswesen

    Mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) ist das Thema Datenschutz auch bei Privatpersonen in den Fokus gerückt: Niemand möchte persönliche Daten in den falschen Händen sehen. Jedoch zeigt die Vergangenheit, dass gerade in einem äußerst sensiblen und wichtigen Sektor großer Nachholbedarf besteht: Beim Datenschutz im Gesundheitswesen. Darauf machen die IT-Sicherheitsexperten der PSW Group aufmerksam und verweisen auf eine kürzlich erschienene Studie zur IT-Sicherheit bei Ärzten und Apotheken des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft. Demnach sind vor allem mangelndes Wissen der Mitarbeiter sowie Hürden in der Umsetzung der IT-Sicherheit Ursachen für Datenskandale: Patientendaten werden häufig unverschlüsselt und damit für jeden einsehbar per E-Mail versendet. "Aufgrund der Unwissenheit öffnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Praxen und Apotheken E-Mail-Anhänge von zwar unbekannten, jedoch vermeintlich unauffälligen Absendern, ohne diese vorher genau zu prüfen. Fallen diese Mitarbeiter auf solche Phishing-E-Mails herein, sind Patientendaten in Gefahr. Auch durch die fehlende Verschlüsselung ist die Gefahr sehr hoch, dass digitale Patientenakten in die Hände unbefugter Dritter gelangen", warnt Patrycja Tulinska, Geschäftsführerin der PSW Group.

  • Wenn der Datenschutz dem Gesetz ein Bein stellt

    Mit dem DVG sollte die Digitalisierung im Gesundheitswesen endlich richtig Fahrt aufnehmen. Aber wieder einmal bewahrheitet sich leider nicht das Sprichwort ‚Was lange währt, wird endlich gut'. Denn das Bundesgesundheitsministerium hat in einem neuen Entwurf zum DVG die bisher geplanten Regelungen zur elektronischen Patientenakte gestrichen. In der Ressortabstimmung merkte das Justizministerium datenschutzrechtliche Bedenken an. Sensible Informationen zum Gesundheitszustand würden stärkere Schutzmechanismen benötigen. Weiter ging es auch um Unklarheiten bei der Frage, welche Anwendungen zuerst in der Akte verfügbar sein müssen und die scheinbare Problematik, dass Patienten im ersten Schritt keine Zuordnung vornehmen können, welche der behandelnden Ärzte welche Daten einsehen können. In der aktuellen Gesetzesvorlage heißt es, dass in einem zeitnah folgenden zusätzlichen Gesetz die elektronische Patientenakte Berücksichtigung finden soll, damit die Versicherten wie bereits festgelegt ab 2021 von der ePA profitieren können.

  • Schutz der eigenen Mitarbeiter

    Der Digitalverband Bitkom hat mehr als 1.000 Geschäftsführer und Sicherheitsverantwortliche in Deutschland befragt. 75 Prozent der befragten Unternehmen waren danach in den vergangen zwei Jahren Ziel von Cyber-Attacken. Auffällig dabei: Die größte Tätergruppe - wenn es um Datendiebstahl geht - sind die eigenen Mitarbeiter, die zum Beispiel einen USB-Stick mit Kundendaten mitnehmen, wenn sie das Unternehmen verlassen. Christian Patrascu, Senior Director, Sales Central Eastern Europe von Forcepoint, nimmt dazu Stellung.

  • Sicherheitslücken in vielen Android-Smartphones

    Das Oberlandesgericht in Köln hat eine Klage von Verbraucherschützern zurückgewiesen. Inhalt: Elektronikmärkte verkaufen bewusst veraltete und unsichere Android-Smartphones, ohne Kunden auf die Risiken hinzuweisen. Das dürfen sie auch weiter tun. Die Klage vom Juli 2017 weckte Hoffnungen bei vielen Sicherheitsexperten, die schon lange vor Sicherheitslücken in vielen Android-Smartphones warnen. Diese werden nämlich nicht mehr behoben und stellen deshalb ein Risiko für die persönlichen Daten von Nutzern dar. Verbraucherschützer wollten in einem Gerichtsurteil erwirken, dass Geräte mit einer veralteten Android-Version nur noch mit einem entsprechenden Hinweis verkauft werden dürfen, da sie gut dokumentierte und nicht behebbare Mängel bei der Sicherheit aufwiesen.